Datei:2016-11-24 jungle world (12) Bohnenstangen im Parlament.pdf

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Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 12.

Bohnenstangen im Parlament

Wir Kleingärtner mögen zwar ein schlechtes Image haben, aber unsereiner muss für neue Ideen immer aufgeschlossen sein. Vor allem muss man ständig Ausschau halten nach verbesserten Ertragsmöglichkeiten. Nehmen wir zum Beispiel meine Bohnenstangen. Genaugenommen stehen die das ganze Jahr nur passiv herum. Von Mai bis Oktober geben sie meinen Stangenbohnen etwas Halt, damit die sich auf zwei oder gar drei Meter hochranken können. So lang sind die Bohnenstangen. Aber sobald die kalten Tage kommen, ist es mit den kälteempfindlichen Bohnen vorbei. Wenn man es vergisst oder schlichtweg keine Lust hat – was einem Kleingärtner immer wieder passiert, wir sind ja auch nur Menschen –, lässt man die Stangen einfach länger in der Erde stehen und zieht sie heraus, wenn einem wieder danach ist und die Motivation stimmt. Dies hat aber den Nachteil, dass der Teil, der in der Erde steckt, ­zügig fault und Stück für Stück abbricht. Die Stangen werden dann von Jahr zu Jahr kürzer. Also lohnt es sich schon, sie rechtzeitig, also gleich nach der Ernte, aus der Erde zu nehmen.

In diesem Jahr war die Bohnenernte schlecht, was nicht an den Bohnenstangen lag. Wenig hat funktioniert. Zu den Freuden eines Kleingärtners gehört auch das Leiden am Misserfolg: dumm gelaufen, schlechtes Saatgut, Regen zum falschen Zeitpunkt und ein paar Schnecken kamen doch durch, was ich aber zu spät bemerkte. Mist. Aber dafür habe ich genügend Bohnenschoten für nächstes Jahr ausreifen lassen und trockne die Bohnen jetzt ein paar Wochen im Haus. »Nach der Ernte ist vor der Ernte.« Der Spruch riecht schwer nach Phrase, ergo fünf Euro ins Phrasenschwein.

Mir ist allerdings eine weitere Verwendung für meine Bohnenstangen eingefallen. Die AfD ist im Aufwind und sammelt den völkischen Mist. Aber sie hat nicht genug sympathisches Personal. Das ist die Chance für meine Bohnenstangen. Ich bin mir sicher, dass sie auch in den Bundestag oder einen beliebigen Landtag kämen. Sie sind sehr schlank, kommen aus deutschen Wäldern und würden mit ihren drei Metern im Parlament alle überragen und die anderen Parteijunkies zu Flachpfeifen degradieren. Als Besitzer der Bohnenstangen würde ich die Tantiemen und Diäten kassieren. Aber vermutlich wäre dieser Bohnenstangen-AfD-Deal nicht ganz p.c., da ich ja vom Image her ein linker Kleingärtner bin. Und Image ist wichtig. Gut, dann lassen wir diesen Ausflug in die Parteipolitik und die Bohnenstangen bleiben in meinem Garten.

Aber vielleicht geht da doch etwas. Einen anarchistischen Mitbürger hörte ich einmal sagen: »Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten.« Oh, das ist aber radikal. Einfach mal durchgespielt: Wenn es stimmt, könnte ich vielleicht mittels meiner Bohnenstangen mit den parlamentarischen Wohlfühlorganisationen ins Geschäft kommen. Ich würde Stangen an Parteien vermieten, egal an welche, und würde Tantiemen kassieren. Das Schöne dabei, ich würde eigentlich keinen Schaden anrichten, da das ganze Spektakel eh sinnlos ist. Im Gegenteil, meinem Vorbild und meiner Geschäftsidee könnten andere Kleingärtner folgen und das miserable Image der Kleingärtner verbessern, das sie nun einmal haben. Und wenn wir stark genug sind, wir Kleingärtner, gründen wir eine Kleingärtnerpartei. Weil meine Bohnenstangen und ich dann recht bekannt wären, könnte ich Vorsitzender der »Vereinigten Deutschen Kleingärtnerpartei« werden, für Parlamente und sonstige Wohlfühlorte kandidieren und mich fürstlich alimentieren lassen. Zwar wäre damit das Ganze immer noch unsinnig, aber wir als Kleingärtner hätten endlich eine Lobby, Geld und unsere Bohnenstangen über den Winter einen warmen Zweitwohnsitz in einem deutschen Parlament. Solche Gedanken kommen einem, wenn man zu viel an der frischen Luft ist. Im nächsten Frühjahr würden wir die Bohnenstangen wieder aus dem Parlament abziehen – sie haben schließlich in den kalten Monaten dort genug gequasselt – und wieder im Garten eingesetzt. Wir Kleingärtner kümmern uns schließlich um die Ernährung. Das wäre die perfekte jahreszeitlich angepasste Verwertung für meine Bohnenstangen: Von Mai bis Oktober an der frischen Luft und von November bis Ende April in der parlamentarischen Wärmestube. Das ist noch cleverer und durchtriebener als der parteigrüne »Green New Deal«. Man müsste dieses Bohnenstangenabenteuer nur mit der Wunderformel von der »Nachhaltigkeit« versehen. Da würden bestimmt einige der üblichen peinlichen NGOs anspringen und mir verbale Unterstützung geben. Schließlich geht es um eine nachhaltige Verwendung von Bohnenstangen, die bekanntlich aus deutschen und sonstigen nationalen Wäldern kommen. So naturnah war der deutsche Parlamentarismus noch nie. Und ich hätte als Parteivorsitzender meinen Frieden mit dem Parlamentarismus geschlossen. Win-win für alle. So machen wir’s.

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