Datei:2012-2013 Flugschrift (13) Kein Projekt in der 3.Welt Entwicklungsland Deutschland.pdf: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 21. Mai 2020, 14:18 Uhr

FLUGSCHRIFT Winter 2013/2014

"Der Sinn von Politik ist Freiheit" (Hannah Arendt). Kein Projekt in der 3. Welt – Entwicklungsland Deutschland

Wir haben kein Projekt in der 3.Welt , weil wir uns nicht anmaßen, mitgönnerhafter Geste andere über tau-sende Kilometer hinweg zu entwickeln.Unser Projektgebiet und das von uns be-treute Entwicklungs land heißt in allerBescheidenheit Deutschland. Schwergenug. In un seren (Ent wick lungs-)Pro-jekten in Deutschland beschäftigen wiruns mit: Atom ener gieausstieg, Gen tech-nik mafia, Flüchtlingslager ab schaffen,Anbau von einheimischen Eiweißpflan-zen, dem verbreiteten Antisemitismus,der falschen Tole ranz gegenüber Isla-mismus, Armut durch Hartz IV, kolonia-len Afrika bil dern in den Köpfen der Ein-heimi schen, Fairem Handel, anständigenPreisen für Bauern und Bäuerinnen,Bürgerrechten für Fuß ballfans, Flücht-linge......... Puh, manche Einheimischesind ganz schön entwicklungsresistent.Da müssen wir schon alle Register zie-hen. Das geht nicht immer pädagogisch.Da hilft manchmal nur Politik. Aber wie geht das alles zusammen, soviele Themen? Und dann sind wir auchnoch bundesweit tätig, aber mit Sitz imSaarland. Dieser vermeintliche Gegensatzist für manche auf beiden Seiten des Horizontes eine Zumutung.Eigentlich sind die Rollen in dieser Ge-sellschaft klar verteilt: Parteien machenPolitik, Gewerkschaften kümmern sichum den Arbeits frie den, Kirchen um denSeelenfrieden und Gruppen und Organi-sationen der Zivilgesellschaft dürfen alsEin-Punkt-Organisationen fröhlich vorsich hin arbeiten. Wenn sie „Glück“ ha-ben, dürfen sie im Schlepptau der BigPlayer ab und an ein bisschen mitwip-pen. Wenn sie besonders brav sind undsich um Pädagogik statt um Politik küm-mern, erhalten sie or dentlich Zaster. Diese Spielregeln akzeptieren wir nicht.Indem wir uns als allgemein politisch begreifen, verweigern wir die uns zuge-dachte Rolle als Ein-Punkt-Or ganisation.Manche erwarten, dass wir uns einzig zu3.Welt Themen äußern, uns aber ausdem politischen Ge schehen in der BRDraushalten. Wir streben dagegen an, ei -ne politisch einflussreiche Organi sationzu sein, offen für Menschen ohne Kar-riere absichten, gepaart mit einer politi-schen, konfliktbereiten Diskussions kul-tur, die versucht, den Problemen auf denGrund zu gehen. Allerdings kostet(e) unsdas auch viel Geld. Projekte in der3.Welt – am besten mit Kindern – lassensich bei potentiellen Zuschuss ge bernund SpenderInnen besser verkaufen alskonfliktträchtige Themen. Das Nichtein- halten der (un-)geschriebenen gesell-schaftlichen Spiel regeln und die Weige-rung, den de zenten Hinweisen der ge-sellschaftlichen Platzanweiser Folge zuleisten, geht nicht ohne Konflikte undden Ent zug von Geldern einher. Die Aktion 3.Welt Saar ist 1982/83 auseinem kleinen 3.Welt Laden ent standen.Am Anfang stand die Empörung darüber,dass genügend Nahrungsmittel produ-ziert werden und trotzdem Menschenverhungern. Hunger ist kein Schicksal,Hunger wird geMACHT. Heute sind wireine bundesweit agierende politischeOr ganisation, die zu unterschiedlichenThemen Stellung bezieht, koordiniert undvernetzt. Unsere Mit ar bei ter Innen kom-men aus verschiedenen Regionen derBRD. Der rote Faden unserer Arbeit istder gleiche Zugang zu den ma teriellenund kulturellen Ressourcen einer Gesell-schaft. Letztlich sind wir unseren The-men treu geblieben und möchten anden Stellschrauben vor der eigenen„Haus tür” drehen, um weltweit et waszu verändern. So zusagen im Her zen derBestie agieren. Aber das sagt man heutenicht mehr so direkt. Dabei gehen wirauch ungewöhnliche Bündnisse ein undprobieren Neues aus: In dem Agrarpro-jekt„ERNA goes fair – für eine faireLandwirtschaft weltweit“ vernetzen wir,bundesweit einzigartig, Bauern mit Ge-werkschaftern, Natur schützern und3.Welt Engagierten. Und sitzen im Trä-gerkreis des bun desweiten Agrarbünd-nisses „Meine Landwirt schaft – unsereWahl”, organisieren zu Beginn der grünen Woche in Berlin Demos für einebäuerliche Landwirtschaft. Szenen wechsel: Weil uns die falscheMulti-Kulti-To leranz gegenüber Kopf-tuchzwang und Zwangsverhei ratung aufden Senkel geht, haben wir das Kompe-tenzzentrum Islamismus ge gründet. Hiergilt das Motto: Islamismus zu rück drän-gen – Men schen rechte wahren. Wir or-ganisieren Veran staltungen, wa ren Mit-ver an stalter der kritischen Islamkon -fe renz an der Uni Köln und kooperierenmit der Alevitischen Gemeinde Deutsch-land. Ob sie der zweitgrößte Islam ver-band ist, sei mal da hin gestellt. Die Ale-viten begreifen sich als eigenständigeReligionsge mein schaft, mal mit mehrislamischem Einschlag, mal mit weniger.Auf jeden Fall ist die Zusammen ar beitangenehm, weil für sie die Trennungvon Religion und Staat selbstverständ-lich ist. Im Vorstand des SaarländischenFlüchtlingsrates arbeiten wir aktiv mitund setzen uns für die Rechte vonFlüchtlingen ein, zum Beispiel das Recht,hier bleiben zu dürfen.Noch viel mehr zu Fußball, Land wirt-schaft, Asyl, Antise mitis mus, Islamismus,Bürgerrechten, E10, Kolonialismus, Me-tropolen linken, So zialarbeit etc. findenSie auf der Innenseite. Als Poster zumAuf klappen und an die Wand hängen.

Zu unserem 30 jährigen Jubiläum haben wir 50 Grußworte erhalten (www.a3wsaar.de), mit spannenden, irren, schrägen oder humorvollen Blickweisen auf uns. Auszüge:„Als Frauenrechtlerin und Enga gier teim Integrationsbereich be eindrucktIhr mich aber vor allem durch Eureklare Absage an den politischen Islamin Deutschland... Frauen sind die er-sten, die unter solchen Einflüssen zuleiden ha ben. Angefangen vom Kopf-tuch zwang bis hin zu Zwangsver hei-ratungen und Ehrenmorden, die vonden Tä tern teilweise noch re ligiösmotiviert und damit „entschuldigt“werden. ... Zum Jubi läum habe ichdrei Wünsche für Sie: Werden Sienoch bekannter – Sie haben es ver-dient; wir sind an Ihrer Seite. Vieleneue Mitglieder und SpenderInnen,damit Ihrer Arbeit ein langes Lebenbe schieden ist. Bleiben Sie gesund underfolgreich und feiern Sie schön!”Collin Schubert, Berlin, Referentin für Frauenrechte imIslam, TERRE DES FEMMES„Ihr quengelt, zuweilen auch, wennandere lieber feiern. Weil euer kriti-scher Scharfsinn und vor allem euersolidarisches Denken und Handeln esnicht zulassen, zu feiern, währenddiejenigen, um deren Existenz Willendie Feier angesagt ist, von Abschie-bung und Knast bedroht sind: Lieberpositioniert sich die Aktion 3. WeltSaar während der InterkulturellenWochen mit einer Presseer klär unggegen Abschiebe haft und Abschiebe-knast. Ein klug gewählter Zeitpunkt,eine klare An klage gegen den ge-planten Runden Tisch Ingelheim füreine modifizierte Abschiebehaft inRhein land-Pfalz und dem Saarland......bringt ihr eure Vision der Multi kul-tur in ei nem Satz auf den Punkt: Werhier ist, kann hier bleiben. Ich möchteeuch zu eu rem Scharfsinn, Mogel-pack ungen zu entpacken, Mythen zuentzaubern und verklärte Sicht wei senzu enttäuschen, gratulieren. .... Bei allder Un nach giebigkeit seid ihr soschön un kompliziert.Martina Backes, Freiburg,iz3w-Redakteurin,Informations zent rum 3.Welt„Es gibt dort eine hochpolitische Or-ganisation, die man andernorts leidervergeblich sucht. Sie ist kei ne Parteiund will auch gar keine sein. Unddoch mischt sie sich mit einer er-staunlich breiten The menpalette inPolitik und Dis kurs ein und stößtdurchaus auf Re sonanz: Sehr sympa-thisch. ... Sie legt sich mit dem „linkenMain stream“ an, z.B. in Sachen Anti-se mitismus und Israel: Sehr sympa-thisch ... Hin und wieder ist sie auchüberregional präsent: Sehr sympa-thisch. Leider besitzt sie keine überre-gionale Organi sations struktur: Sehrunsympathisch.“ Lothar Galow-Bergemann, Stutt-gart, Emanzipation und Frieden„Es beeindruckt mich, wie die Aktion3.Welt Saar Aktionsfelder wie Asylund Rassismus, Agrar und Ernähr ung,Antisemitismus und Islamis mus oderBildung und globales Ler nen (und,wie gesagt, den Fußball!) vereint,ohne je Gefahr zu laufen, an derOber fläche zu verharren. ... es gefälltmir, wie konsequent dort nach demalten Marxschen Motto „Je der nachseinen Fähigkeiten, je dem nach sei-nen Bedürfnissen“ verfahren wird.“Alex Feuerherdt, Köln,Publizist, Lektor, Fußballfan

FLUCHTLINGE .....brauchen unsere Solidarität.Schließlich flieht kein Mensch frei-willig und Flucht ist kein Verbrechen.Wir finden es faszinierend, wie sichseit Jahrzehnten Menschen aus un-terschiedlichen politischen und sozia-len Schichten in der Ge sellschaft fürFlüchtlinge einsetzen. Trotz staatli-cher Hetze und Polizei kontrollenwegen „nicht-deutscher” Hautfarbe.Chapeau. Doch Vor sicht: Im Mittel-punkt muss der Mensch als Subjektstehen, mit seinen Wünschen, Hoff-nungen und Sehn süchten und nichtdas Weltbild der HelferInnen. UnsereErfahrung: Flüchtlinge wissen, was siewollen; z.B. nicht im Abschiebegefäng-nis Ingel heim oder im saarländischenLager Lebach leben. Die Alternative:Schließen und nicht „farb lich anspre-chend gestalten“, wie es Verbände inRheinland-Pfalz fordern. Nicht zu ver-gessen: Im Mai 1993 wur de das Asyl-recht (Art. 16, GG) von den„Das-Boot-ist-voll-Fanatikern“ defacto abgeschafft durch eine Mehr-heit von CDU, CSU, FDP, ......... undSPD. Ach so: Wo ist das Denkmal imluxemburgischen Schengen für die17.000 durch Verhungern, Verdursten,Ertrinken und Erfrieren getötetenFlüchtlinge?


Bürgerrechte .... sind eine feine Sache, weil sie diekonsequente Fortsetzung der Auf klä-r ung und die Abkehr vom Feuda lis-mus bedeuten. Übrigens: Bürger rechte gelten auchfür Flüchtlinge, Migranten, Fußball-fans etc. Manch mal muss man etwasnachhelfen.


Sozialarbeit Wir haben nichts gegen Sozial arbe i-ter. Einige machen sogar hier mitund sind unsere besten Freunde. Abermuss denn wirklich jedes Problementpolitisiert und mit pädagogischerAnteilnahme gelöst werden? Gut,dass wir mal darüber geredet haben.


Fußballfans Wir haben nichts gegen Fußball fans,Klassikliebhaber oder Bogen schützen.Hat ja jeder so seinen Fimmel. Fuß-ballfans scheinen aber eine beson-ders gefährliche Spezies zu sein, danimmt man das mit den Bürgerrech-ten nicht so genau: Totalüberwa-chung, Leibesvisitatio nen, Rei sever-bote oder die rechtlich fragwürdigeDatei „Gewalttäter Sport“, in dieman schnell rein, aber kaum wiederraus kommt. Dabei ist der Besucheines Fußballspiels weit weniger ge-fährlich als der Besuch des Münche-ner Oktoberfestes oder Autofahren.Klar, rassistische und schwulen-feindliche Sprüche gibt es auch inFankurven. Aber genauso auf Stadt-und Dorffesten. Trotzdem Scheiße.Gut finden wir die Initiative vonUltras: „Pyro technik legalisieren –Emotionen re spektieren.” Übrigens: Bei uns gibt es eine Fuß-ball AG „....in den Lauf. Fußball.Fans. Kultur”; mit Fans von mehre-ren Vereinen.


Heuschrecken Sehr lecker. Werden in manchen Regionenwegen ihres hohen Eiweißgehaltes verzehrt. Heute wird der Begriff gerne zurPersonifizierung ökonomischer und politischer Zusammenhänge benutzt. Garnicht lecker, denn das haben die Nazis erfunden ..... und mörderisch prakti-ziert.


Ackerbohnen Unsere Kühe weiden in Paraguayund scheißen auf die Bauern im Se-ne gal. Wie das? Paraguay ist derviertgrößte Sojaexporteur weltweit.Das Soja landet im Futtertrog deut-scher Milchkühe und in den Sene galwird die „billig“ in der EU produ-zierte Milch als Milchpulver ex por-tiert. Die Bauern dort können nicht mitder „billigen“ EU-Milch konkurrierenund geben ihre Höfe auf. Bauern sindin Paraguay, Deutschland und im Se-negal die Letzten, die die Hunde bzw.der Neoliberalismus beißen. In Para-guay und Deutschland sind Bauernreine Rohstofflieferanten und verfü-gen nicht über ihr Produkt. Die Alter-native: Exportorientierung kappen.Einheimische Eiweißpflanzen wie Ackerbohnen und Futtererbsen könnenbei gleichbleibendem Fleisch konsumbis zu 60% der zerstörerischen Soja -importe als Futtermittel ersetzen; beiweniger Fleischkonsum noch mehr.

Ehrenamtler Ehrenamt - tolle Sache. Lob allerOrten. Zu über 90% arbeiten wirehrenamtlich. Das heißt konkret,dass wir unsere „Freizeit“ damit ver-bringen, Veranstaltungen durchzu-führen, nervige Anträge zuschrei ben, Flugschriften wie diesezu verfassen oder Geschirr zu spü-len. Zum Ärger mancher zivilgesell-schaftlicher „Freunde“ und Haupt-amtlicher legen wir Wert darauf,dass bei uns Ehrenamtler handelnund entscheiden können: Im RahmenIHRER zeitlichen Möglichkeiten. Dasträgt mit zu unserer politischen Un-abhängigkeit bei, weil nicht jede po-litisch kontroverse Aussage un sereberufliche Existenz gefährdet. Dasoffizielle Abfeiern des Ehren amts hataber andere Gründe: Es soll staatli-ches Handeln ersetzen und so Kos-ten sparen. Da feiern wir nicht mit.


Bündnisse Die sind eine schöne Sache, aberauch kein Selbstläufer. Auf jedenFall ist mehr drin, wenn man sichzusammenrottet. Parteien z.B. fin-den wir irgendwie süß. Sie gebensich Mühe und wir haben nichtsgegen sie. Sie sind für uns EIN poli-tischer Akteur. Arrogant finden wires, wenn Parteien für sich das Mo-no pol auf Politik reklamieren. Manschaue nur mal, wie viele haupt-amtliche MitarbeiterInnen MdLs undMdBs haben; ebenso die parteinahenStiftungen mit ihren üppigen Etats.Auch ohne Gewerk schaf ten wäre dieWelt ärmer. Ok, sie machen schnödeRealpolitik. Aber ohne sie wären vielesoziale Er rungen schaften heute keineSelbstverständlichkeit. Wir schließenschon mal ungewöhnliche Bündnisseund unterstützen auch den Versuchhiesiger Milch bauern, ihr Produkt zubündelnund nicht weiter Einzel ver-träge mit Mol kereien auszuhandeln.Denn: „Allein machen sie dich ein“. Dasbundesweit einzigartige Bünd nis zwi-schen Bauern und Ge werk schaftern inunserer ERNA goes fair-Kampagne istein Beispiel da für. Für uns bedeutetdas: Wir ge hen dort Bündnisse ein, woes passt. Politisch auf Augenhöhe.Kaufen oder vereinnahmen lassen wiruns nicht.


Fairer Handel Super Sach’. Das machen wir schon30 Jahre lang. Gerechtigkeit kon-kret, Politik mit dem Einkaufskorb.Und irgendwie auch erfolgreich:Faire Löhne, faire Preise, keine aus-beuterische Kinderarbeit, keine Gen-technik, meist Zahlung im Voraus.Weniger gut: Für manche Akteureist der Faire Handel ein Politikersatzgeworden. Eine bessere Welt ist abernicht käuflich, sondern nur durchpolitische Veränderungen möglich.Das klingt zwar wenig sexy, aber al-lein mit Verbraucher-Mitmach pro -jekten gelingt es nicht.


Israel Muss man das in Deutschland begründen?


PKK ahrzehntelang galt Nelson Mandelaals Terrorist und der ANC (AfricanNational Congress) als Terror organi-sation. Dann kam es anders. Wir sindfür eine politische Lösung – undkeine militärische – im Türkei/ Kur-dis tan Kon flikt. Korrekt, wir wissen,dass es nach offizieller türkischerLesart keine Kurden gibt. Dummer-wei se gibt es aber einige MillionenMenschen in der Türkei, im Irak, imIran, in Syrien und sonst wo, die sichals solche begreifen. Dabei ist derKonflikt kein ethnischer, sondern einmaterieller. Es geht um Öl und Was-ser (Tigris, Euphrat) in ei ner wasser-armen Region. Und die KurdInnenbegehren Anteil an den Reich tüm -ern ihrer Gesellschaft. Die PKK istübrigens seit März 1994 für eineföderale Lösung innerhalb der türki-schen Grenzen. Eine politische Lö-sung wird es nur mit ihr geben, abernicht gegen sie. Deshalb ge hörtauch das PKK-Verbot in der BRDaufgehoben.


Islamismus Igitt. Für uns ist Religion Privat sa-che. Islamisten wollen die strenge,wortgenaue Umsetzung des Koransund der heiligen Schriften desIslam. Ziel ist die Reglementie r ungvon Alltag, Politik, Justiz, Wissen-schaft, Arbeit, Freizeit, Le bensent-würfen und Kultur. Braucht man zueinem erfüllten Leben im Diesseitswirklich islamische Tu gend wächter?Wer den politischen Islam und diefalsche Toleranz kritisiert, wirdschnell diffamiert mit dem Kampf-begriff der Islamo pho bie. Als ob dieErrungenschaften der Aufklärungnicht für diese Religion gelten wür-den. Psst: Wir haben auch viel zulang im Rahmen unserer AsylarbeitKopftuchzwang und Zwangsver hei-ratungen toleriert und den Munddazu gehalten, weil wir nicht pater-nalistisch sein wollten. Das hat abernie jemand kritisiert.


EXTREMISMUS Wer braucht eigentlich diesen Be-griff? „Extremismus“ taucht in kei-nem Gesetzestext auf, weil er vonjedem Gericht wieder einkassiertwerden würde. Der wissenschaftli-che Dienst des deutschen Bundes-tages sagt, dass dies kein definierterRechtsbegriff sei, sondern „eineFrage des politischen Meinungs-kampfes”. Na also, das haben wirzwar auch schon vorher gewusst,aber wir hatten keinen O-Ton von„oberster Stelle“. „Extremismus“ istein Kampfbegriff, mit dem die spie-len und spalten, die sich selbst als„die Mitte“ und „die Guten“ definie-ren. Aber wir sind doch alle einbisschen Mitte.


Bevölkerungsexplosion Ein Mensch explodiert nicht, sondern wird geboren. Voneiner Be völkerungsexplosion sprechen heute Technokratenund Gen technik befürworter, ohne großes „I“, da fast nurMänner. Und wer ist hier eigentlich „überbevölkert“: afrikanische Länder oder Hessen, Berlin, Bremen, NRW?


Hunger Ob wohl genügend Nahrungsmittelvor han den sind, verhungern Men-schen. Wie das? Es gibt ein ganzesUr sachen bündel: Soja als Futter-mittel für deutsche Kühe, Land-grabbing zum Anbau vonAgrotreibstoffen oder Cash Crops,Stoffströme von Nahrungsmittelnvon der 3. in die 1.Welt. Die Lö-sung: Eine bäuerliche Landwirt-schaft macht laut Weltagrar berichtalle satt. Bauern brauchen hier wiein der 3.Welt Zugang zu Land,Saatgut und zu ihren Produkten.Zentral ist dabei der Begriff der„Ernährungssouveränität“, der vondem Bauernbündnis „Via Campe-sina“ geprägt wurde. Landwirt-schaft muss zu einer politischenFrage werden. Alle müssen darüberentscheiden, welche Pro dukte an-gebaut werden, welches Saatgutgezüchtet wird und für wessen Be-darf „wir“ produzieren.


Gentechnik Die braucht man nicht, um alle Men-schen satt zu bekommen. Und werbraucht Gentechnik? Firmen undEntwicklungstechnokraten, die Pa-tente auf Saatgut angemeldet habenund die die Kontrolle über das Saat-gut anstreben. Die Lösung: Ausstiegaus dieser Risikotechnologie und ab-solute Präferenz für die bäuerlicheLandwirtschaft.


Eine Welt Kitsch Wir heißen bewusst Aktion 3.Welt.Zum einen angelehnt an den Begriffdes 3.Standes bei der FranzösischenRevolution. Zum anderen halten wirnichts davon, sich die schräge Rea-lität durch glatte Begriffe zurechtzu basteln. Im Moment schafft es Erleichterung. Aber auf Dauer istdies ungesund, weil es die Sinnevernebelt. Die Galeerensklaven imalten Rom saßen übrigens auch in EINEM Boot mit ihren Peinigern.Und in der 3.Welt gibt es eine 1.Weltund umgekehrt. Boah, ist die Welt kompliziert.


Metropolenlinke Der Brüller. Wissen alles, kennen alles,tragen ihre Nase hoch und läs tern be-vorzugt über Menschen ab, die nichtaus Metropolen kommen. Ganzschwierige Klientel. Behutsamer Um-gang empfohlen. Therapie wirkt nurlangsam. Aber sie sind unsere Mit-menschen. Wir sollten die Integra-tion versuchen. Irgendwie sind sieder eher tollpatschige Ausdruck desreal existierenden Stadt-Land-Kon -fliktes in politischen Bewegungen.


Antisemitismus Ein merkwürdiges Ding. Den gibt essowohl ohne Nazis aus dem tau-send jährigen Reich wie auch wei-testgehend ohne Juden. In Deutsch-land zeigen Studien seit Jahrzehn-ten einen antisemitischen Boden-satz von 20-30%. Wir halten auchnix von dem „ehrbaren Antisemitis-mus“ (Jean Améry), der in der Formvon Israelkritik und Antizionismusdaher kommt. „Man wird ja wohlnoch Israel kritisieren dürfen.“ Inder Tat – das Menschenrecht auf Is-raelkritik hat weder in Deutsch landnoch in der Allgemeinen Er klärungder Menschenrechte bis heute Ver-fassungsrang. Aber vielleicht geht esgar nicht um Kritik, sondern um dieDelegitimierung Is raels, weil Deut-sche den Juden den Holo caust nichtverziehen haben. Vor Antisemitismusist man wahrscheinlich nur auf demMond sicher, sagte Hannah Arendt.


Brot statt Böller Niemand verhungert, weil an Sil-vester Raketen gezündet werden.Genauso gut könnte man zum Ver-zicht auf Weihnachtsbäume, DVDsund Jogginganzüge aufrufen. ZumWesen des Menschen gehört inallen Kulturen das Fei ern, derRausch, die Veraus ga bung und für manche auch die Freude am Feuerwerk. Übrigens: Die Brot-statt-Böller Freunde sind still,wenn ihre eigene Klientel Feuer-werke bei Klassik konzerten oderam Vorabend der Jahresfeier zurfranzösischen Revolution goutiert.

Bertelsmann Stiftung Ein Beispiel für eine widerliche Lob-bypolitik. Ihr Partner im Geiste ist diearbeitgeberfinanzierte „Initia tive neuesoziale Marktwirtschaft (INSM)“. AnParlamenten und sonstigem demokra-tischem Firlefanz vorbei zielen sie aufdie Beeinflussung von Gesetzen undbearbeiten die öffentliche Meinungdurch ein regelrechtes Trommelfeueran Studien, Fachtagungen, Interviewsund Er klärungen aller Art. Selbst inkleineren Kommunen erhalten ehren-amtliche Parlamentarier nonstoppEx pertisen zugesandt. Ungefragt ver-teilen sie jährlich Noten und erstellenLänder-Rankings. Der Tenor: Neolibe-ra lismus; mehr ich, weniger wir. Weilsich das nicht so gut verkauft, redetman auch mal ein bisschen sozial.Die Lösung: Der Bertelsmann Stif tungdie Gemeinnützigkeit entziehen.


Kolonialismus Ist offiziell vorbei. Wirkt aber noch.Zum Beispiel in einem Afrikabild, indem Afrika ner Innen in einem Atem-zug mit Tieren genannt werden. Undweil sie so natürlich sind, haben sieallerhand Rhythmus im Blut. Undeigentlich gibt es dort nur Krieg,Hunger, Elend. Was natürlich alles„irgendwie“ stimmt. Aber die mei-sten Men schen in Afrika leben inStädten und haben Handys. AproposAfrika. Es ist der Name für einenKontinent mit 54 Ländern, vielegrößer als Deutschland. Für man-che ist „Afri ka“ menschenleer –ist ja eh alles nur Wüste undAfrikaner machen ständig Musik.Da schüttelt man sich. „Europabraucht ein unterentwickeltesAfrika, um sich selbst als ent wi-ckelt zu sehen“, so der GeographDr. Philippe Kersting.


E10 Agrotreibstoffe sind ein schaudernd schönesBeispiel für die Inwert setzung von Natur.Statt den hohen Energieverbrauch in Fragezu stellen, bleibt man auf dem hohen Rossdes „Weiter so“ sitzen. Der Run auf frucht-bares Ackerland zum Anbau von Treibstoffennimmt die besten Böden in Beschlag. DasHeilsver sprechen, mit Agro treib stoffen dasEnergieproblem lö sen zu können, erinnertan das Ver sprechen der Pro tagonisten dergrü nen Revolu tion in den 70er Jahren, denHunger mit dem großflächigen Anbau vonNah rungspflanzen in der 3.Welt zu be sie-gen; intensive Stick stoff-Düng ung inklu-sive. Das Ergeb nis: Mono kultu ren.


Offener Brief an Afrika Deutschland braucht deine Hilfe - sofort. Mit Expertenteams & Know-how Seit Jahrzehnten leisten „wir“ Entwicklungshilfe für Afrika, staatlich und privat. Wir leisten uns sogar ein eige-nes Ministerium, das „Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (BMZ). Ständighaben wir Expertenteams „da unten”, die helfen und Euch den Weg zeigen. Jetzt bauen wir sogar in der Saharaein riesiges Stromkraftwerk (desertec) und werden Ökostrom für Europa produzieren. All dies kostet viel Geld.Längst kommen wir nicht mehr nur mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Wir haben gelernt und unsere Defi-zite in der Präsentation aufgearbeitet: Gender Mainstreaming, Nachhaltigkeit, Vernetzung, Hilfe zur Selbsthilfegehören längst zu unserem Standardrepertoire. Manchmal geben wir uns auch Mühe, Afrika jenseits von Sonne,Safari &Bürgerkrieg zu sehen, auch wenn dieses Afrikabild zugegebenermaßen doch noch recht weit verbreitetbei uns ist und wir gerne damit hantieren.Und was macht Afrika? Wo sind die Expertenteams aus Burundi, Ruanda, Angola, Kamerun, die „uns“ inDeutsch land nachhaltig „Hilfe zur Selbsthilfe“ leisten? Wo sind die afrikanischen Länder, die sich auch einstaatliches „Ministerium zur Entwicklung von Europa“ leisten? Zugegeben, wir fangen nicht bei null an. Wir sindsehr produktiv und könnten uns ein vergnügliches Leben mit lockeren 20 Stunden Arbeitszeit und weniger leisten. Alle hätten genug. Aber wir bekommen die Verteilung unseres Reichtums nicht auf die Reihe. Irgendwasmachen wir falsch. „Wir“ leben eindeutig über unsere Verhältnisse, ökologisch, verbrauchen zu viel Energie,haben berechtigte Angst vor Altersarmut und leisten uns nicht nur in der Medizin den zweifelhaften Ruf einerZwei-Klassen-Gesellschaft. Hier brauchen wir ganz dringend Rat und Hilfe von Experten aus den verschiedenenafrikanischen Ländern. Afrika muss aufhören, Europa und insbesondere Deutschland mit Ignoranz strafen. Das haben wir nicht ver-dient. Uns steht ein menschenwürdiges Leben zu. Dies ist eine menschenrechtliche Verpflichtung, der sich auchAfrika nicht entziehen kann. Afrika muss Deutschland (und Europa) helfen, jetzt und sofort; mit Expertenteams,mit Know-how. Staatlich und privat. Auch die afrikanische Zivilgesellschaft muss mitmachen. Das ist unsereForderung. Hochachtungsvoll

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